American Gods von Neil Gaiman

Schon seit langer Zeit wollte ich ein Buch von Neil Gaiman lesen. Durch einen Zufall hatte ich einmal ein Interview mit ihm auf Youtube entdeckt und ihn sofort als scharfsinnig, sympathisch und witzig empfunden. Bei meinem letzten Besuch in São Paulo besuchte ich einen Buchladen mit einem großen Angebot an englischer Literatur und nahm „American Gods“ am Ende mit. Ich muss gestehen, dass ich eine Weile nach anderen Büchern von ihm Ausschau hielt, da mich der Titel vom Kauf zunächst abschreckte. „American Gods“ ließ mich an Sachen wie „vom Tellerwäscher zum Millionär“, Cadillacs, American Way of Life, ungebrochenen Enthusiasmus und Patriotismus denken. Nichts davon wollte ich in einem dicken Wälzer in aller Länge und Breite durchforsten. Aber ich wurde glücklicherweise enttäuscht und sobald ich kapiert hatte, wovon es tatsächlich handelte, war ich überzeugt.

Wer es noch nicht mitbekommen hat, die Geschichte von „American Gods“ handelt von dem Protagonisten Shadow, der frühzeitig aus dem Knast entlassen wird, um an der Beerdigung seiner geliebten Frau teilzunehmen. Kaum in Freiheit lernt er dubiose Gestalten kennen, die sich als Versionen von alten Göttern entpuppen, die ursprünglich mit Immigranten nach Amerika gereist sind und dort schließlich von ihnen vergessen wurden bzw. mittlerweile damit zu kämpfen haben, dass andere Gottheiten wie Internet und Mobiltelefone auf dem Vormarsch sind. Die Idee ist originell und reflektiert wunderbar unsere Zeit. Zudem ist das Buch spannend geschrieben und man mag es kaum aus der Hand legen. Obwohl ein dicker Wälzer ist er Nullkommanichts durchgelesen. Sehr schön auch der Twist gegen Ende des Buches, wenn man erkennt, wer der wirkliche Verursacher des Krieges zwischen antiquierten und modernen Göttern ist und warum. Ebenso liegen kleine andere Überraschungen auf dem Weg, wie Nebenfiguren, die sich ebenfalls als verstaubte Gottheiten erweisen oder die Frage, was mit der Frau von Shadow geschehen soll, die als eine Art Zombie ihm durch die Geschichte hinterher reist.

Ich habe in anderen Rezensionen mehrfach gelesen, dass andere Leser das Buch als zu langatmig empfunden haben und darin zu viele Details finden, die irrelevant für die Geschichte sind. Und es stimmt – es finden sich kleine Einschübe über Figuren, die im Nachhinein nicht noch einmal explizit auftauchen oder von besonderer Bedeutung für den Fortgang der Geschichte sind. Zwingend notwendig wären sie also nicht. Andererseits sind sie in meinen Augen unterhaltsam. Eine merkwürdige Gottheit in einem Bordell, die sich einen Kunden durch ihre Vagina einverleibt, als dieser ihr versichert, er würde sie anbeten und verehren. Oder der Dschinn, der als Taxifahrer arbeitet und seine Feueraugen hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt, der auf einen erbärmlichen Handlungsvertreter aus der Heimat trifft und sich von diesem auf sein Hotelzimmer mitnehmen lässt. Er trickst ihn nach dem Geschlechtsakt aus und wechselt mit ihm die Rollen, um in sein Land zurückkehren zu können. Keine dieser Gestalten taucht in der Geschichte nochmals auf. Aber sie unterstützen die Atmosphäre und sind amüsant. Auch auf die Gefahr hin als Ignorant eingestuft zu werden – in meinen Augen sind diese Einschübe weitaus interessanter als die „Metamorphosen“ des Ovid, die ich vor Jahren gelesen habe. Wenn auch ein Klassiker der Weltliteratur, ich muss ehrlich gestehen, dass nach der soundsovielten Geschichte über einen Gott, der ein Bauernmädchen vergewaltigen wollte und darin entweder erfolgreich ist oder das arme Mädchen im letzten Moment dadurch gerettet wird, indem es sich in eine Pflanze oder ein Tier verwandelt, hatte ich einfach genug. Aber das nur am Rande.

Ich finde diese Einschübe nicht nervig oder störend. Zudem geht es doch gerade darum in der Geschichte – unnötige Überbleibsel in Götterformen, die wegrationalisiert werden sollen, weil sie irrelevant geworden sind. Von daher macht es durchaus Sinn, diese Ausschweifungen von Gaiman in dem Roman zu belassen. Wobei ich zugeben muss, dass ich einen frühzeitigeren Schlusspunkt der Geschichte bevorzugt hätte.
Ich bin mir nicht sicher, wozu der Besuch von Shadow in Island, wo er auf die europäische Version von Wednesday trifft, dienen soll. Ich denke, es ist jedem klar, dass Shadow nach den ganzen ungewöhnlichen und verwirrenden Ereignissen, nicht einfach in ein normales Leben zurückkehren kann. Schon gar nicht, wenn man dabei herausgefunden hat, dass man der Sohn eines Gottes und einer Sterblichen in Wahrheit ist. Vermutlich vermisst er seinen schillernden Vater und sucht nach der Originalversion. Er muss aber feststellen, dass alle immigrierten Götter amerikanisiert wurden und somit von ihrem Ursprung reichlich abweichen. Wie dem auch sei – für das Ende des Romans hätte ich mir einen prägnanteren Schluss gewünscht. Aber nachdem mir Neil Gaiman einen fantastischen Ritt durch seine Traumwelten mit diesem Werk beschert hat, will ich ihm das nur zu gerne verzeihen. Ich hoffe nur, dass die amerikanische Serie, die auf „American Gods“ aufbaut, den faszinierenden Figuren nicht den Zauber geraubt hat. Ich werde das bei Gelegenheit überprüfen und euch meine Erkenntnisse mitteilen.

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