Double bill: Facing the sea, for tears to turn into laughter / Kreatur

Manchmal schäme ich mich, wie wenig ich von „Tanz im August“ gesehen habe im Vergleich zu den vielen Jahren, die ich mittlerweile in Berlin lebe. Das liegt einerseits an meiner Verpeiltheit – ich bekomme immer zu spät mit, wann es angesetzt ist und die meisten Karten sind dann schon weg. Andererseits liegt es aber auch an einer großen Enttäuschung meinerseits, weil bisher wenige Veranstaltungen dort mich begeistert haben. Man könnte natürlich jetzt argumentieren, dass das eben daran liegt, dass ich keine Karten mehr für die guten Stück ergattern konnte oder dass ich mich besser mit dem Programm hätte auseinandersetzen sollen, bevor ich meine Wahl treffe. Und selbstverständlich mag es auch schlicht und einfach daran liegen, dass Geschmäcker verschieden sind und „Tanz im August“ vielleicht einfach auf eine andere Klientel ausgerichtet ist und nicht besteht, um mein dubioses Kunstverständnis zu befriedigen.

Wie dem auch sei, ich bin bisher wenig innerhalb dieses Festivals beeindruckt worden. Als wunderbare Ausnahme will ich dennoch die zwei Soli „Between Contentions“ und „How to overcome the great tiredness?“ von Eduardo Fukushima nennen, die ich 2014 im Rahmen von „Tanz im August“ im HAU3 gesehen habe. Davon schwärme ich heute noch allen vor, so fantastisch war es.

Auch dieses Jahr wollte ich dem Festival wieder eine Chance geben. Somit habe ich mir vergangenen Mittwoch eine Doppeldosis Tanz verabreicht. „Tanz im August“ bewarb, man solle sich doch erst „Facing the sea, for tears to turn into laughter“ von Radhouane El Meddeb im Radialsystem V ansehen und danach mit dem bereitgestellten Shuttlebus zum Haus der Berliner Festspiele fahren, um sich gleich im Anschluss daran Sasha Waltz’ „Kreatur“ einzuverleiben. Bei mir funktionierte die Anpreisung – optimistisch machte ich mich also auf den Weg zum ersten Ort.

Um es kurz zu machen: Es gibt nicht viel zu sagen. Ich halte es für problematisch, wenn der Titel bereits alles aussagt. „Facing the sea, for tears to turn into laughter“ – genau das ist es was man zu sehen bekommt. Tänzer, die den Saal mit ihren Augen fixieren als würden sie übers Meer zum Horizont blicken. Sie bewegen sich wellenförmig, so als würde die Gischt an den Strand gespült, bevor sie sich wieder ins kalte Nass zurückzieht. Manchmal nimmt dann ein Tänzer den anderen auf die Schultern, damit der- oder diejenige dann noch weiter hinaus schauen kann. Zwischendurch rasten dann noch zwei Tänzer hintereinander aus und dann wird wieder in die Weite geguckt. Und immer wieder sehen sie sich gegenseitig offensichtlich traurig an. Manchmal schauen sie auch das Publikum an.

Zu erwähnen ist der charismatische Pianist und der Sänger mit der wunderschönen Stimme, die traditionelle tunesische Lieder dabei zum Besten geben. Zumindest nehme ich an, dass es sich darum handelt. Es ist nur schwierig, wenn die Musiker und ihr Schaffen mehr Ausstrahlung als die Tänzer und ihre Choreografie besitzen.

Am Ende des Stückes kommt ein weiterer Tänzer auf die Bühne, der den Klavierflügel von der hinteren Ecke zum Bühnenrand schiebt und dabei in das Klavierinnere einen tunesischen Monolog hält. Anscheinend hat er etwas Witziges gesagt, weil danach alle Tänzer auf einmal fröhlich werden. Sie lachen und umarmen sich und damit ist das Stück zu Ende, weil die Tränen sich ja in Lachen verwandelt haben. Mission accomplished.
Das ist jetzt kein Stück, wo ich komplett erbost aus dem Saal stürme. Es regt nicht auf oder an. Es ist einfach langweilig.

Dennoch habe ich mich unverdrossen in den Bus gesetzt, um auch noch Sasha Waltz besuchen zu fahren. Wir kamen gerade zurecht, es klingelte schon zum Einlass. Schnell erfahre ich noch, dass das Stück 90 Minuten dauert. Ohne Pause wohlgemerkt, da muss das Stück schon Spitzenmäßig sein, um die Spannung zu halten. Tut es aber nicht.

Die Tänzer sind fantastisch, ihre Technik beeindruckend und alles was man will, aber die Choreografie kann ich einfach nur mit dem Wort „uninspiriert“ beschreiben. Sasha Waltz hat für dieses Stück mit Iris van Herpen zusammen gearbeitet, die Kostüme unter anderem für Björk, Tilda Swinton und Beyoncé entworfen hat. Und zum Teil sind die auch ganz interessant anzusehen. Ich bin mir nur nicht sicher, was ich von den Kostümen zu halten habe, die etwas an „Conan, der Barbar“ oder „Mad Max“ erinnern, aber das hat eventuell damit zu tun, dass Waltz für diese Sequenz die Tänzer eine Art Stammestanz aufführen lässt, was einen unangenehmen Beigeschmack bei mir auslöst. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das als respektlos empfinde. Einfach albern wird es allerdings für mich, als eine Tänzerin in einer Art Seeigel-Kostüm aufkreuzt und die anderen, fast nackten Tänzer scheinbar bedrohlich mit ihren Stacheln antanzt. Das hat für mich klare Muppet Show Qualitäten.

Ähnlich verhält es sich mit der Musik. Was das Soundwalk Collective da abliefert, ist zu großen Teilen nicht schlecht. Aber es wird nicht gut von Sasha Waltz genutzt. Es gibt einen Part, der mich musikalisch an Techno erinnert und ich dachte – anknüpfend an den Titel „Kreatur“ – Sasha Waltz wollte an die Nachtgestalten, die sich auf Raves vergnügen, anknüpfen wollen, aber nichts davon geschieht. Die Tänzer zappeln im Stakkato über die Bühne, aber es ist nicht klar, ob es mehr als eine abstrakte Gruppendynamik symbolisieren soll.

Besonders auf meine Abneigung stoßen die Szene, wo eine Tänzerin pseudo-weinend die Treppe an der Seite hinaufläuft, während eine andere sie lautstark erst auffordert, mit Heulen aufzuhören und dann sogar das Atmen einzustellen. Ich habe nichts generell gegen die Darstellung von Dominanz und Aggression auf der Bühne, aber man hat das Gefühl, es führt hier einfach zu nichts. Auch das angedeutete BDSM-Gewusel auf der Bühne, während „Je t’aime … moi non plus“ von Serge Gainsbourg gespielt wird, bleibt in den Anfangsschuhen stecken. Lustlos klatschen einige Tänzer den anderen ihre Hände auf den Rücken während ein anderer seiner Partnerin lautstarke Küsse auf den Hintern schmatzt. Aber das war es dann auch.

Das ist ohnehin auch ein Makel dieser Inszenierung: Es werden Requisiten auf die Bühne geschleppt wie zum Beispiel Folien, die vor die Tänzer gehalten, ihre Silhouetten vervielfachen. Ein schöner Effekt, den man bestimmt hätte ausbauen und weitertreiben können. Aber dann passiert damit nichts weiter, die Folien werden einfach wieder von der Bühne entfernt und man fragt sich, was das Ganze sollte. Sasha Waltz beginnt in ihrer Choreografie etliche Dinge, aber diese landen einfach im Nirgendwo.

Ich frage mich auch, warum diese Treppe an der Seite aufgebaut ist. Die Tänzer benutzen diese zwar hin und wieder, aber was sie dort tun erscheint mir so irrelevant, dass ich meine, sie hätten diese auch gleich weglassen können. Überhaupt würde eine radikale Einkürzung dem Stück Gutes tun. Nach einer gewissen Weile wünsche ich mir nur, dass ich mich verhört habe und es doch eine Pause gibt, damit ich zumindest ein Glas Wein trinken kann, um dieses Stück weiter durchzustehen.

Ich sehne mir direkt eine zugedröhnte Zuschauerin herbei, die vor vielen Jahren zu einer Tanzimprovisation von mir in einen kleinen, verschmutzten Club in Neukölln kam.„It’s so boooooooring“, röhrte sie damals mit rauchiger Stimme während der Vorstellung. „It’s so boooooring.“
Das hätte zumindest die Atmosphäre dieses Abends etwas aufgemischt.

Als das Stück vorbei ist, klatsche ich für die Leistung der Tänzer. Denn die können ja für die Choreografie nichts. Ich höre aber auch einige deutliche Buh-Rufe aus dem Publikum. Es scheint, mein Geschmack ist doch nicht so abstrus und als ich zur U-Bahn schlendere und den Leuten um mich herum zuhöre, erkenne ich, dass ich nicht die einzige bin, die froh ist, das Haus der Berliner Festspiele endlich zu verlassen und nach Hause zu gehen.

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