Graphic Novel Day

Nun schon im siebten Jahr veranstaltet das Internationale Literaturfestival einen Graphic Novel Day. Ich hatte schon im vergangenen Jahr an einigen Veranstaltungen teilgenommen und war sehr angetan von meinen Entdeckungen gewesen.
Ich finde es wunderbar, dass das Festival auch diese oft etwas unbeachtete Kunstform würdigt. Ich muss zugeben, dass auch ich erst seit relativ kurzer Zeit mich dafür interessiere. Es gab zwar einige Comics in meiner Kindheit – die Cartoonversion von meiner geliebten Heidi-Serie, Lucky Luke, vereinzelte Spiderman- und Batmancomics meines Bruders sowie in rauen Mengen Micky Maus-, Asterix- und Lucky Luke-Hefte. Aber ich bekam durch meine Eltern von Zuhause mit, dass das höchstens etwas für Kinder und keine „gute Literatur“ sei.
Die Bekanntschaft während einer Busreise mit einem Fachkundigen, der mir eine ganz andere, düstere und bizarre Graphic Novels vorstellte, änderte meine Einstellung schlagartig.
Und nach eigenem zaghaften Verkostungen von Werken von Neil Gaiman zum Beispiel (ich liebe die visuelle Welt von Dave McKean, mit dem Gaiman bevorzugt zusammenarbeitet), die sowohl visuell als auch als literarisches Werk überzeugen, bin ich sozusagen angefixt.
Das ist auch sehr verständlich, da ich selber male, zeichne und schreibe. Also ist es nur logisch, dass die Kombination aus diesen Elementen mich ebenfalls anspricht.
Ich hatte als Teenager mich einmal am Comic-Zeichnen versucht. Da die Resonanz meiner Freunde allerdings nur gering war, gab ich es nach einigen Ausgaben meines eigenen Heftes schließlich auf.
Wie auch immer – diesmal wollte ich so viel wie möglich von dem Graphic Novel Day mitbekommen. Sieben Veranstaltungen an einem Tag – sechs davon habe ich geschafft, ein Rekord für mich!
Das lag aber auch an der interessanten Auswahl der Künstler aus aller Welt, liebevoll in Gespräche verwickelt von Tagesspiegel-Journalist Lars von Törne. Gleich um 10 Uhr morgens ging es los mit der hippeligen Inderin Amruta Patil. Auf der Leinwand hinter ihr wird ihre visuelle Welt ausgeweitet. Sie erzählt von ihren Anfängen als 21jährige und ihre Entwicklung in den nächsten 9 Jahren. Von ihrem Erstlingswerk, dass noch in schwarz und weiß gehalten war und die Geschichte einer androgynen Frau und ihrer Liebe zu Mumbai erzählt. Und wie schließlich aus einer sehr persönlichen Sicht sich das Bild weitete in Mythologien, die sie mit vibrierenden Farben erzählte.
Danach folgt die Vorstellung des Projektes „Alphabet des Ankommens“, initiiert von Lilian Pithan, ein erster Versuch in Comic-Reportage auf deutschem Boden, die über Identität und Heimat berichten und – wie es der Titel schon sagt – über das Ankommen in der Fremde. Begleitet wird sie von dem eritreischen Journalisten Ahmed Mohammed Omer und der Zeichnerin Burcu Türker. Ein spannendes Unterfangen, wie ich finde. Ich bin ein großer Fan von der fantastischen Animations-Dokumentation „Waltz with Bashir“. Ich finde, dass durch die Abstraktifizierung des Themas mit Hilfe der Zeichnungen wird es erträglicher, sich mit den Themen Krieg und Gewalt auseinander zu setzen. Man könnte natürlich argumentieren, dass diese Themen nie leicht verdaulich werden sollten. Und ich stimme zu. Aber durch das Verwenden von Zeichnungen beim Erzählen solcher Geschichten kann man sich – wie soll ich sagen – dem Ganzen im Krebsgang nähern, ohne ihnen den Schrecken zu nehmen. Es ist so wie in die Sonne zu blicken – man sollte es nicht direkt tun. Man setzt sich erst eine Sonnenbrille auf oder blickt durch ein geschwärztes Stück Glas, eine Art Filter, damit dies keinen unkalkulierten Schaden hervorruft. In den Nachrichten werden mittlerweile so viele reißerische, blutrünstige Bilder gezeigt. Und die einzige Reaktion, die man erntet, ist das es zuviel ist. Ich könnte mir vorstellen, dass ein neues Format da hilfreich sein könnte.
Das Projekt ist im Moment online einsehbar auf http://alphabetdesankommens.de .
Gesponsert von der Bundeszentrale für politische Bildung soll im November das Buch dazu erscheinen.
Politisch bleibt es danach mit den Graphic Novels „Freedom Hospital“ des geflüchteten syrischen Autoren Hamid Sulaiman und „Ich habe Wale gesehen“ des Basken Javier de Isusi. Beides zwei hochinteressante Bücher, die es meiner Meinung nach Anzuschauen lohnt, denn sie überzeugen nicht nur mit den Themen, die sie behandeln (der syrische Bürgerkrieg im Jahr 2012 und das Baskenland während des Unabhängigkeitskampfes) sondern auch wie das Ganze visuell umgesetzt wird.
Auch hier finde ich meine Annahme bestätigt, dass das Medium Graphic Novel wie kein anderes geeignet ist, diese Geschichten zu erzählen.
45 Minuten später wendet sich der Graphic Day dem Manga als Weltsprache zu. Ich selbst habe mich bisher so gut wie nie mit Manga beschäftigt. Denn was die einen so daran anzuziehen scheint (kawaii!!! oh wie süß!!!), hat mich bisher davon abgehalten, mich näher darauf einzulassen.
Vielleicht sollte ich das ändern, denn ich erfahre hier von Berliac aus Argentinien und Inga Steinmetz aus Berlin, dass Manga auch sehr politisch sein kann und grotesk, gerade weil hier oft eine große Diskrepanz zwischen niedlichen Bildern und zynischen Inhalt sich auftut. Das war mir bisher nicht bewusst und scheint mir ein genaueres Untersuchen wert. Ich denke, vor allen Dingen die Bücher von Berliac dürften da ein lohnenswertes Forschungsobjekt sein.
So interessant die ganzen Themen und die dazugehörigen Schöpfer sind, aber langsam geht mir hier die Puste aus. Es ist doch ganz schön viel, wie da jede Stunde jemand Neues auf die Bühne geschoben wird. Aber ich halte noch etwas durch.
Denn nun kommt das erste deutschsprachige Interview. Ulli Lust stellt ihre autobiographische Graphic Novel vor, die über ihre Dreiecksbeziehung in Wien mit einem Österreicher und einem Nigerianer nacherzählt. Betitelt ist diese Geschichte mit „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“. Sie erzählt ehrlich, dass sie unsicher war, ob man ihr Rassismus vorwerfen würde, weil der Nigerianer, den sie nachher für die Papiere heiratete, sie schließlich häuslich misshandelte. Aber so sei nun mal die Sache vor sich gegangen und warum sollte man das verschweigen oder anders erzählen, als das gewesen sei. Hat sie natürlich recht. Und sie betont, dass es ihr hauptsächlich um die Suche nach der weiblichen Lust und Lebensfreude gegangen sei. Ich mag mir hier kein Urteil erlauben, dazu müsste ich das Buch, das im übrigen erst morgen offiziell im Suhrkamp Verlag erscheint, mir genauer ansehen.
Ich gewinne nur den Eindruck, dass nach den gehaltvollen Büchern und Themen der Vorgängerredner, dieses Buch – trotz seines kontroversen Inhaltes – im Vergleich abfällt. Man könnte natürlich sagen, das liegt auch daran, dass ich mittlerweile etwas erschöpft von dem ganzen Zuhören bin. Aber ich denke, das allein ist es nicht. Man hat das Gefühl, dass es hier doch um eine sehr private Geschichte geht. Und falls man an der sexuellen Befreiung und schließlich den häuslichen Konflikten von Ulli Lust interessiert ist, wird man dort auf jeden Fall auf seine Kosten kommen. Mich hat der Vortrag nicht so überzeugt und mir schien auch, dass Lars von Törne trotz aller Bemühungen, hier nicht so den Drive bei seinen Fragen hatte, wie bei seinen vorherigen Gesprächspartnern.
Immer noch in der Absicht, vielleicht doch den gesamten Graphic Novel-Tag zu bewältigen, genehmige ich mir im Anschluss noch Romain Renards kinematografisches Konzert zu seinem Buch „Melvile“. Und was soll ich euch sagen – ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Es ist natürlich kein schlechter Schnitt, dass dies mir erst am fünften Tag des Festivals geschieht, aber seine Darbietung kann ich nur als „kompletter Müll“ umschreiben. Das Werk eines selbstverliebten Künstlers, der trotz allen gespielten Pathos nicht übertünchen kann, dass er eigentlich nichts zu erzählen hat und das alles, auf was diese Projekt hinauswill, kommerzieller Erfolg ist.
Ich bin wirklich sonst ein wohlwollender Mensch und falls ihr meine bisherigen Texte über das Festival gelesen habt, ist euch bestimmt bewusst geworden, wie angetan ich von den übrigen Veranstaltungen bisher war.
Aber hier muss ich einfach ehrlich sagen – reinste Zeitverschwendung, auch wenn ich nachher einen Bravoruf aus dem Publikum höre. Aber seichte Bilder, die endlos ineinander überblenden, ohne wirklich eine Geschichte zu erzählen. Pseudo-mysteriöses Geschwafel, das nirgendwo hinführt und vor der Leinwand, der Künstler selber mit seinem Zweitgitarristen, der scheinbar ekstatisch mit seinem Kopf zuckt und belanglose Klangwelten mit noch schlimmeren, klischeehaften, englischen Songtexten ausbreitet. Ich wünsche mir einfach nur irgendwann, dass es endlich fertig ist, weil ich anfange, mich einfach entsetzlich fremd zu schämen. Und es wird nicht besser, als er zum Abschluss sich auch noch beginnt, dramatisch auf die eigene Brust zu schlagen. Ich habe das Gefühl, einer öffentlichen Masturbation beizuwohnen und muss mich zurückhalten, ihm nicht in der offerierten anschließenden Fragerunde meinen Unmut mündlich mitzuteilen. Stattdessen beschließe ich, dass ich genug für heute habe. Kann sein, dass Nicolas Mahlers‘ „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, einer Neuinterpretation von dem bekannten Werk von Marcel Proust, mich wieder versöhnlich gestimmt hätte. Aber ich habe schlicht und einfach genug. Der Kopf kann nicht mehr aufnehmen und ich möchte nicht riskieren, mir den ansonsten sehr gelungenen Tag verleiden zu lassen.
Manchmal muss man einfach wissen, wann es genug ist. Dennoch möchte ich allen Graphic Novel-Fans diese Veranstaltung des ilb ans Herz legen. Eine faule Pflaume in sechs Veranstaltungen ist vertretbar, wie ich finde.

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