Hey People!

Studentenjobs gibt es wie Sand am Meer und in so unterschiedlichen Ausführungen wie es Persönlichkeiten und Charaktere gibt. Ich zum Beispiel habe nach zwei sehr kurzen Anläufen bemerkt, dass Callcenters nicht meine Welt sind. Das ständige „an der Strippe mit jemanden hängen“, mit Leuten, die eigentlich gar nicht mit dir reden wollen, zerrte gehörig an meinen Nerven. Dafür tummelte ich mich lieber in allen möglichen Dienstleistungsberufen herum. So steuerte das Kellnern oftmals das nötige Kleingeld zu meinem Lebensunterhalt bei. Wie etwa direkt nach meinem Abitur, wo ich beschloss, dass ich nicht gleich vom Klassenzimmer in den Hörsaal rutschen wollte – sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die mich gerne sofort da untergebracht hätten. Irgendwie befürchteten sie wohl, ich würde vom rechten Weg – was immer dieser auch sei – abkommen, wenn ich nicht umgehend ein Studium anfangen würde.

Aber ich hingegen ließ die Einschreibfrist unabsichtlich absichtlich ungenutzt vorüberstreifen, wurde daraufhin von meiner Mutter tüchtig ausgeschimpft und damit konfrontiert, dass ich, wenn ich nicht studieren wolle, mir mein Brot ab sofort selbst verdienen müsse. Dagegen hatte ich ja nichts – ich wollte einfach nur mal etwas anderes als Stundenpläne, Hausaufgaben und Referate erleben. Ich schaute in die Stellenanzeigen und fand ein Gesuch nach einer Vollzeitkellnerin für ein Steakhaus. Ich rief an, ging zum Vorstellungsgespräch und hatte den Job in der Tasche.

Die Besatzung des Restaurants war ungewöhnlich und farbenfroh. Sie schien direkt einer schwarz-komödiantischen Seifenoper entstiegen zu sein.

Es ertönt die Titelmelodie:

Hey People!
Kommt doch herein!
Hey People!
Was darf es denn sein?
Hey People!
Esst bei Butch, Hamit und Tante Giselaaaaaa
Hey People! People!
Wir sind immer für euch daaaaaaaa
Hey People! People! Hey hey …. People!!!

Ich öffne die Tür zu meiner neuen Arbeitstätte und trete ein. Unter meiner Jacke habe ich bereits die vorschriftsmäßige rot-schwarz gestreifte Bluse angezogen, die das Markenzeichen der Steakhauskette ist. Dazu trage ich einen bequemen schwarzen Rock und die neuen schwarzen Schuhe, die ich mir extra für den Job angeschafft habe. Ich sehe mich um. Ganz hinten an der Bar, wo die Getränke ausgeschenkt werden, steht mein zukünftiger Chef, Herr Pietsch, den ich bereits von meinem Vorstellungsgespräch kenne. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, ist leicht untersetzt und hat bereits etwas schüttere Haare. Über seinem lächelnden Mund prangt ein großer, sympathischer Schnurrbart. Er begrüßt mich freundlich.
„Da sind Sie ja, Frau Heller. Freut mich, dass Sie da sind. Ihre Sachen können Sie gleich oben im Spind einschließen.“
Er deutet auf einen orientalisch anmutenden Kellner mit perfekt gezogenem Seitenscheitel.
„Das hier ist Herr Mahmoud. Er wird Sie einarbeiten und Ihnen alles erklären, was wichtig ist.“ Wir schütteln uns die Hände.
„Hamit“, stellt er sich mir vor. „Sonja,“ gebe ich zurück. „Freut mich.“
„Und das,“ wendet sich Herr Pietsch nach dem Griller um. „Ist einer unserer Griller – Butch.“
Butch zwinkert mir zu und zeigt ein breites Grinsen. In der Zwischenzeit ist eine Gruppe von Leuten hereingekommen und hat an einem der größeren Tische Platz genommen. Ein zweiter Kellner, mit Halbglatze und einer riesigen Brille geht ihnen entgegen und begrüßt sie: „Hey People!“
In meinem Kopf höre ich eine Lachschleife wie in einer Seifenoper. Herr Pietsch rollt die Augen. Als der neue Kollege nach hinten kommt, um die Getränkebestellung der Gäste aufzugeben, spricht ihn Herr Pietsch an.
„Herr Perez, könnten Sie bitte die Gäste nicht mit ‚Hey People!’ begrüßen? Das gehört sich nicht. Sagen Sie ‚Guten Tag’.“
Perez wiegt verstehend den Kopf. „Natürlich. Mach ich.“
„Frau Heller, das ist Herr Perez. Ein weiterer Kollege.“
Eine ältere Dame mit einem goldenen Hütchen auf dem Kopf, betritt das Lokal. Perez watschelt zu ihr hin. „Hey People!“
Herr Pietsch stöhnt auf und schüttelt entmutigt den Kopf. In meinem Kopf höre ich wieder eine imaginäre Lachschleife ertönen.
Ein blonder Mann kommt aus der Tür, die zu den Personalräumen führt und zieht im Laufen eine braune Lederjacke über seine Grilleruniform.
Herr Pietsch sagt mit einem überraschend gespielten, sächsischen Dialekt in die Runde: „Nanü, do will dü Tante Gisela also schon noach Hoase göhn.“
Alle lachen und ich gucke reichlich irritiert aus der Wäsche. Die Gäste übrigens auch.
Butch fällt mit einem ebensolchen Fake-Dialekt in das Gespräch ein: „Ei gugge mal doa. Einwoandfrai nü!“
Der Blonde erwidert entnervt mit einem echten Sächseln: „Ich haiß Hans-Jürgen, ihr Doofköppe!“
In meinem Kopf erklingt wieder die Lachschleife.
Herr Pietsch beugt sich zu mir vor und erklärt – diesmal wieder in seiner normalen Stimme: „Wir nennen ihn alle ‚Tante Gisela’, weil er immer soviel Blödsinn quasselt.“
Das ist zwar keine wirklich logische Erklärung für mich, aber ich nicke zustimmend.
Herr Pietsch fährt fort: „So, ich gehe jetzt in mein Büro. Kommen Sie einfach kurz mit, dann zeige ich Ihnen den Umzugs- und Aufenthaltsraum. Danach kümmert Herr Mahmoud sich um Sie.“
Tante Gisela verabschiedet sich: „ Dönn erstmol vül Spoaß hier. Wir söhen üns noachhör.“
Gefügig trotte ich hinter Herrn Pietsch her in den ersten Stock. Dort schließe ich meine Sachen ein und husche voller Erwartung wieder nach unten. Dort werde ich gleich von Hamit in Empfang genommen, der mir erklärt, wie der ganze Laden organisiert ist und mich in das Ein-Mal-Eins der Kellnerei einführt.
„Du musst immer beschäftigt wirken“, lehrt er mich. „Selbst wenn kein Gast da ist, musst zu immer etwas zu tun haben. Bestecke polieren, Tische wischen, Menükarten sortieren, Salatbuffet auffüllen. Irgendetwas.“
Für die nächste Stunde geht es mit solchen Lektionen weiter, ansonsten klebe ich wie ein Schatten an ihm, assistiere ihm bei dem Tragen von Getränken und Speisen, fühle mich aber noch herrlich jeglicher eigener Verantwortung enthoben.
In einer freien Minute kommt Perez zu mir. Er will wissen, ob ich einen Freund habe. Ich bin mir nicht sicher, was ich antworten soll. Also entscheide ich mich für ein etwas unentschlossenes, fragendes: „Jaaaa….?“
„Sonst könnten wir heute nach der Arbeit noch wohin gehen“, fährt er fort und wird gleich tatschig. Ich versuche, erstmal körperlichen Abstand zu gewinnen. Es ist wohl besser, ich bleibe dabei, in festen Händen zu sein.
„Tut mir leid,“ sage ich entschuldigend. „Aber das würde meinem Freund wirklich nicht gefallen.“
„Aber wir könnten doch trotzdem…“, bohrt Perez noch einmal nach und versucht, mir wieder physisch mehr auf den Leib zu rücken.
„Nein, das geht wirklich nicht. Sorry“, verteidige ich meine Behauptung. Zum Glück muss er abzischen, weil die ältere Dame etwas bei ihm bestellen will. Hamit kommt zu mir und flüstert in verhaltenem Ton: „ Lass dich von dem nicht doof anquatschen. Das macht er bei jeder Frau, die ihm über den Weg läuft.“
Ich nicke zustimmend. Ein gutaussehender Kerl mit langen, schwarzen Haaren kommt in das Lokal und setzt sich an einen Einzeltisch. Hamit hat wohl beschlossen, dass ich reif für den nächsten Schritt in meiner neuen Karrierelaufbahn bin.
„Hier,“ er drückt mir eine Menükarte in die Hand. “Versuch es.“
Mit klopfendem Herzen gehe ich zu meinem ersten Gast und reiche ihm die Karte.
„Guten Tag. Darf ich Ihnen bereits etwas zum Trinken bringen?“
Er erwidert etwas völlig Unverständliches. Ich blicke ratlos. Aus den wenigen Brocken, die ich meine, herausgehört zu haben, schließe ich darauf, dass er englisch spricht. Aber entweder er nimmt die Zähne beim Reden nicht wirklich auseinander oder er spricht einen sehr intensiven Dialekt. Jedenfalls ist die Verständigung schwierig. Das fängt ja gut an!
Tapfer gehe ich zu Hamit, der mir eine englische Menükarte gibt und mir ermunternd zulächelt. Damit bewaffnet kehre ich todesmutig zu dem Herrn zurück. Danach gebe ich meinem ersten Gast etwas Zeit zum Studieren der Karte und versuche unterdessen, beschäftigt auszusehen. Ich mache Konversation mit dem Griller:
„Hey, warum nennen Sie dich eigentlich Butch?“
Der lehnt sich entspannt an seinen Grill und holt aus:
„Da gibt es verschiedene Gründe. Erstmal habe ich Metzger gelernt. Also darum. Und dann… na ja, manchmal wenn ich viel getrunken habe, sehe ich rot. Und da rutscht mir ab und an das Messer aus.“ Er grinst noch breiter. „War deswegen paar Mal im Knast. Ist aber schon eine Weile her. Im Augenblick benehme ich mich.“
Und zwinkert mir wieder zu. Ich gucke ihn verblüfft mit großen Augen an. Das scheint ja hier ein illustres Völkchen zu sein. Ich würde gerne mehr darüber wissen, aber die Dame mit dem goldenen Hütchen, die zwischenzeitlich auf der Toilette verschwunden war, kommt aufgeregt von dort zurück und spricht mich an.
„Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe es einfach nicht geschafft.“
Ich habe keinen blauen Dunst, was Sie damit meint. Aber ich verstehe, dass sie etwas aus der Fassung ist und versuche darum, sie zu beruhigen.
„Das macht ja nichts.“
Doch die Dame ist immer noch ganz von der Rolle. Sie wiederholt:
„Einfach nicht geschafft. Es tut mir leid.“
„Das kann doch einmal vorkommen“, erwidere ich.
Etwas beruhigt, fügt die Dame hinzu: „Ich würde dann gerne zahlen.“
„Ich sage meinem Kollegen Bescheid,“ antworte ich und gebe Perez einen Wink, der sich sofort mit der Rechnung in der Hand zu der Dame begibt, die kurz darauf das Lokal verlässt. Für mich wird es Zeit, bei meinem Gast nachzufragen. Ich hoffe, wir werden uns irgendwie verständigen.
„Hello“, sage ich lächelnd. „Can I take your order, please?“
„Suoure“, schnarrt er mir entgegen. Wie kann man nur so gut aussehen und so schauerlich reden?
„Something to drink perhaps?“, frage ich helfend nach.
„Yeah, beeooor, pleeease.“
„From the tap?“
„Yeah,“ kommt es knirschend zurück.
„Of course and what can I bring you to eat?“
Er bestellt (und deutet dabei glücklicherweise auch auf die Karte) ein Rumpsteak und einige Beilagen.
„How do you want your steak?“, möchte ich noch wissen.
„Rrrrrr“, röhrt es nur.
In meinem Kopf höre ich wieder ein lachendes Publikum.
„Pardon?“, frage ich ratlos.
„Rrrrr“, tönt es erneut.
Schallendes Gelächter des Publikums rauscht auf.
„Medium“, rate ich hilflos, auch wenn seine Antwort alles andere als danach klingt. Es ist einfach das, was die meisten bestellen. Vielleicht können wir uns ja irgendwie einigen?
„Rrrrr“, versucht er ebenfalls noch einmal sein Glück.
„Rrrrr…“, wiederhole ich und fühle mich wie in einer Quizsendung. Natürlich wieder haltloses Gelächter eines imaginären Publikums an dieser Stelle.
„Rrrrrrrare?“, frage ich schließlich.
Erleichtertes Nicken des Gastes. Bingo! Der Kandidat erhält 100 Punkte!
Erlöst lächelnd mache ich mir Notizen auf meinem Kellnerblock und schreite zu meinem Vorarbeiter Hamit, zufrieden das Rätsel gelöst zu haben. Er nickt anerkennend und hilft mir, die Bestellung einzutippen. Kurze Zeit später bringe ich dem Gast sein Bier. Zum Glück müssen wir nicht mehr viel dabei reden.

Auf dem Rückweg begegne ich einer hektischen Dame mit kurzen grauen Haaren und ebenso grauem Kostüm, die eben von dem ersten Stock herunter gekommen ist. Sie schüttelt mir mit großen Bewegungen die Hand.
„Guten Tag, Frau Heller. Ich bin die stellvertretende Geschäftsführerin hier. Mein Name ist Frau Guber. Alles soweit in Ordnung hier?“
„Ja, vielen Dank, Frau Guber,“ entgegne ich. Da fällt mir etwas ein. „Nur etwas war eigenartig. Da war diese ältere Dame eben hier. Ich weiß nicht, was das war, aber sie kam ganz aufgelöst von der Kundentoilette und murmelte, dass sie irgendetwas nicht mehr geschafft hätte. Ich habe keine Ahnung, was sie damit gemeint haben könnte. Aber sie war ganz durcheinander.“
„Kein Problem, Frau Heller“, beruhigt mich Frau Guber. „Ich schaue gleich mal auf der Damentoilette nach.“ Und sie entschwindet dorthin.
Butch gibt mir das blutige Rumpsteak für den Gast. Es liegt zischend auf einem heißen Stein und zwei Tellern. Das Ganze ist so schwer, dass ich den Teller unmöglich auf nur einer Hand balancieren kann. Also stütze ich mit der anderen Hand von der Seite und hoffe, nicht von spritzendem Fleischsaft verbrannt zu werden. Aber alles läuft glimpflich ab. Als ich zurückkehre, kommt gerade eine fassungslose Frau Guber von der Damentoilette.
„Ist das widerlich,“ ruft sie nur aus und fuchtelt mit ihren Händen. „Sie hat einfach in den Flur gekackt!“
Das imaginäre Publikum bricht in schallendes Gelächter aus.
Ich kann nur ein verblüfftes „Waaaas???“ hervorstoßen.
„Die ältere Frau mit dem Hut. Das ist es, was sie nicht mehr geschafft hat. Aufs Klo. Sie hat einfach vor die Toilettentür auf den Boden geschissen“, Frau Guber weiß sich nicht mehr zu halten. Das ist offensichtlich zuviel für sie. Wir andern können uns das Lachen kaum verkneifen. Die Vorstellung, wie die vornehme Dame mit ihrem goldenen Hütchen auf dem Kopf, sich in die Flurecke zum Scheißen hinhockt, ist einfach zu komisch. In meinem Kopf kugeln sich die Zuschauer ebenfalls vor Lachen.
Es kommt eine dickliche, ältere Frau herein. Ihre langen, weißen Haare sind zu einem straffen Pferdeschwanz zusammen gebunden. Sie geht schweren Schrittes nach hinten.„Ach, Frau Schmidt,“ ruft Frau Guber erleichtert. Erklärend fügt sie für mich leiser hinzu. „Das ist unsere Putzfrau.“ Lauter wendet sie sich an die Angekommene. „Ich hätte da etwas, worum Sie sich bitte unverzüglich kümmern müssten.“ Die beiden entschwinden wieder durch die Tür zu den Kundentoiletten. Wir anderen prusten erstmal los.
Durch die Eingangstür tritt ein massiger, dunkelhäutiger Mann, ein Koloss mit einem gutmütigen Gesicht.
„Hey!“, begrüßt ihn Butch freudig. Erklärend beugt er sich über die Theke vor.
„Das ist mein bester Kumpel. Wir nennen ihn Bär. Er arbeitet als Küchenhilfe hier.“
Bär ruft mit hoher Stimme: „Hallo!“
Mir fällt alles aus dem Gesicht, als ich ihn höre. Die Fistelstimme steht in extremen Gegensatz zu seiner monsterhaften Gestalt. In Gedanken lacht sich mein unsichtbares Publikum mittlerweile scheckig.
Bär deutet über seine Schulter und piepst: „Wer ist eigentlich diese merkwürdige Frau, die ins Fenster hier reinglotzt?“
Wir schauen in seine gedeutete Richtung.
„Ach, das ist nur meine Mutter,“ seufze ich. Das imaginäre Publikum schlägt lachende Purzelbäume. Offensichtlich hat meine Mutter die Neugierde gepackt, wie ich mich im Heer der Berufstätigen schlage. Sie ist aber zu feige, einfach normal als Gast hereinzukommen. Also spioniert sie durch die Fensterscheibe. Mir ist das Ganze ziemlich peinlich. Als ich ein weiteres Mal hinschaue, ist sie glücklicherweise verschwunden. Ich kassiere meinen unverständlichen Gast ab und helfe Hamit beim Besteck polieren. Die Putzfrau kommt nach erfolgreicher Tat mit Schrubber und Wassereimer von der Gästetoilette. Perez spricht sie an.
„Bist du verheiratet? Willst du mit mir nach der Arbeit etwas trinken gehen?“
Frau Schmidt sieht ihn mit weitaufgerissenen Augen an.
„Spinnst du? Ich bin über 60 Jahre alt. Bist du pervers oder so?“, stößt sie nur hervor.
Mein Publikum kringelt sich vor Lachen in meinen Fantasiewindungen.
„Heißt das nein?“ – Perez lässt nicht locker. Kopfschüttelnd und ihn keiner Antwort würdigend, verschwindet Frau Schmidt im Obergeschoss.

Hamit weist mir ein paar eigene Tische aus seinem Bereich zu, damit ich mich weiter im Bedienen üben kann. Danach bestellt er eine Hummersuppe bei Butch, grabscht sich paar frische Brötchen, Serviette und Besteck und trabt die Treppe zum Aufenthaltsraum hoch, um seine Arbeitspause zu machen. Kurz danach geht die Tür auf und eine Gruppe von Obdachlosen kommt vom Wochenmarkt herein.
„Entschuldige,“ spricht mich einer von ihnen an. „Können wir hier etwas bestellen?“
Ich überlege. „Habt ihr denn Geld?“
„Klar,“ entgegnet sein Kumpel und lässt seine Taschen klimpern.
„Na dann seid ihr Gäste wie alle anderen, würde ich sagen. Setzt euch“, entscheide ich.
Fröhlich lassen sie sich an einem Tisch beim Fenster nieder. Sie bestellen alle ein großes Bier und ein paar Beilagen von der Karte. Wenn ich an den Tisch komme, scherzen sie mit mir. Einer meint, wir sollten heiraten und ganz viele Kinder bekommen, um tüchtig Kindergeld einzusacken. Ich lache darüber. Sie erzählen mir, wie gut man auf dem Markt verdienen kann. Und sie wechseln mir meine Scheine in reichlich Kleingeld. Das ist super. Doch dann kommt Herr Pietsch herunter und schaut sich das Ganze an. Als ich zur Bar gehe, um Getränke für einen anderen Tisch zu holen, winkt er mich zur Seite.
„Frau Heller, ich weiß ja ihre soziale Seite zu schätzen,“ hebt er an. „Aber das geht leider nicht. Ihre Penner vergraulen mir die anderen Gäste.“ Ich schaue ihn etwas verschreckt an, aber man sieht, dass er wirklich nicht böse ist.
„Sagen Sie bitte Ihren Freunden, dass Sie leider gehen müssen.“
Ich nicke. Es fällt mir nicht leicht, meiner lustigen Runde die Botschaft zu überbringen. Aber die reagiert überraschend verständnisvoll.
„Wir wollen dir ja keinen Ärger einhandeln,“ antworten sie. „War einfach schön, mal hier zu sitzen.“ Beim Bezahlen berechne ich ihnen nur die Getränke.
„Das Essen geht auf mich“, bemerke ich beiläufig.
„Danke dir. Du bist in Ordnung.“ Die Penner klopfen mir liebevoll auf den Rücken und verabschieden sich. Zum Glück kehrt der überkorrekte Hamit erst nach dieser Episode aus seiner Pause zurück.

„Du hast dich heute schon ganz gut gemacht,“ urteilt er anerkennend. „Du kannst für heute Schluss machen. Bestell dir noch etwas zu essen, wenn du willst. Und hol’ dir von Herrn Pietsch deinen Arbeitsplan für die Woche ab. Dann kannst gehen. Ich mache mich auch los. Wir sehen uns morgen! Tschüß!“
Ich nehme eine gebackene Kartoffel mit extra Sourcream mit nach oben. Als ich mit meiner Jacke unterm Arm und dem leeren Teller nach einer guten halben Stunde wieder nach unten komme, ist es bereits spät abends und das Lokal leer. Nur Perez und Butch sind noch da und lehnen faul an der Theke. Ich will mich gerade verabschieden, als ein großer Reisebus vorfährt.
Eine vielköpfige, asiatische Reisegruppe steigt aus und ihr Busfahrer steuert die Eingangstür an. Butch und Perez rufen mir hastig zu:
„Schnell! Versteck dich!“ Die beiden tauchen hinter der Theke ab. Reflexartig bücke ich mich hinter eine Sitzbank.
„Hallo?“, fragt es in die Stille des Restaurants herein. „Ist da jemand?“
Wir verhalten uns alle mucksmäuschenstill. Nur in meinem Kopf läuft wieder die Seifenoper-Lachschleife. Noch einmal hört man ein fragendes „Hallooo?“. Dann das Geräusch von scharrenden Schritten, die sich wieder nach draußen begeben. Wir in unseren Verstecken harren noch etwas aus, bis wir hören, dass der Bus weiterfährt. Dann wagen wir uns wieder langsam hervor.
„Das war knapp“, seufzt erleichtert Butch. „Sonst wären wir hier nicht vor zwei Uhr morgens raus.“
Herr Pietsch kommt die Treppe herunter.
„Hallo“, sagt er. „Ich dachte, ich hätte Stimmen hier unten gehört.“
Meine unsichtbaren Zuschauer geckern fröhlich auf ihren Plätzen.
„Nein,“ lügt Perez mit regungslosem Gesicht. „Hier war nichts.“
Herr Pietsch schaut mich fragend an.
„Ich weiß auch nicht, was Sie meinen,“ springe ich Perez bei und Butch nickt beifällig.
„Na, so was. Muss ich mir wohl eingebildet haben. Na, dann gehen Sie mal nach Hause, Frau Heller. Wir sehen uns ja bereits wieder morgen. Schönen Abend noch! Und Sie beide können dann auch Feierabend machen.“
Herr Pietsch kraxelt wieder die Stufen zu seinem Büro hoch. Wir Übriggebliebenen grinsen uns an.
„Na dann bis morgen, ihr zwei“, verabschiede ich mich.
„Bis morgen, Schnuckel“, winkt mir Butch hinterher.
Perez gähnt:„Ok, people!“

Es folgt der Abspann. Man hört die Titelmelodie, aber ohne den gesungenen Text. Dann erlischt der Bildschirm.

 

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