Der Weinstein des Anstoßes

So ziemlich jeder Hollywoodmensch scheint gerade ein Statement über Harvey Weinstein abzugeben. Dann kam noch Kevin Spacey dazu und schließlich Louis CK.
Viele fokussieren auf diese Einzelfälle, einige Reporter und Talk Show Moderatoren weiten das Sichtfeld auf die gesamte Entertainment Industrie aus.

Mir hat das Ganze auch zu denken gegeben. Ich habe vor dreizehn Jahren meine Schauspielausbildung abgeschlossen, aber in den folgenden Jahren nur sehr wenig in meinem eigentlichen Beruf gearbeitet. Warum mag man mich fragen. Einige meiner Verwandten konfrontieren mich mit einem süffisanten Lächeln, ich hätte es wohl „nicht geschafft“. Die Wahrheit ist, ich weiß nicht, ob ich es geschafft hätte, wenn ich dabei geblieben wäre. Ich habe mich sehr schnell von dieser Welt distanziert, weil ich mich von diesem „Fleischmarkt“, der sich mir darstellte, abgestoßen fühlte. Und weil ich meine Würde behalten wollte. Ich habe großen Respekt vor Frauen, die sich dort durchbeißen, weil ich nicht glaube, dass die Dinge, die ich erlebt habe, Einzelfälle sind.

Angefangen von meiner ersten Regiehospitanz am Schauspiel Frankfurt/Main im Alter von zwanzig Jahren. Bei einem gemütlichen Beisammensein fragte mich der Dramaturg, ob ich mich nicht neben ihn setzen wollte. Als ich das tat, sagte er: „Ich habe Koks zuhause. Kommst du mit ficken?“ Ich war entsetzt. Die Schauspieler schienen unbeeindruckt. Sie meinten nur, der wäre doch ein Arschloch. Warum ich mich überhaupt mit ihm unterhalten würde. Woher sollte ich denn wissen, dass er ein Arschloch ist? Niemand hatte mich vorgewarnt.

Davon gefolgt die Castings und Vorsprechen am Ende meiner Ausbildung wie etwa an einem kleinen Theater in Eisenach. Der Intendant holte mich am Bahnhof ab. Er spielte in dieser Zeit selbst den Old Shatterhand in irgendwelchen Freiluftfestspielen. Ein Mann um die fünfzig, Solarium gebräunt mit Wasserstoffgebleichten Haaren.
Er musterte mich von unten bis oben und murmelte genießerisch: „Das also ist Sonja. Mmmh.“
Nach dem Vorsprechen fragte er mich, was ich denn noch so vorhätte. Ich erwiderte, ich würde sofort wieder nach Berlin zurückfahren. Und nein, ich bräuchte keine Begleitung. Ein paar Tage später kam die Jobabsage mit der Mitteilung, seine jetzige Freundin würde die Rolle besetzen.

Dann ist da noch mein Engagement in der Eisfabrik in Hannover, wo der Regisseur mich permanent anschrie, egal, was ich tat und meine Schauspielkollegen nur meinten, ich könne nichts dafür. Er würde sich gerne Schauspielstudenten frisch nach dem Abschluss suchen, um sie dann fertig zu machen. Leider hätte es mich diesmal erwischt.

Jobs wie bei der Krimiserie Soko, wo ich eine Blumenverkäuferin spielte und ich ein Kostüm mit einem Wahnsinnsdekollete bekam, mit dem Hinweis: „Das gefällt dem Regisseur.“ Der Schauspieler, der den Kommissar spielte, witzelte über das Outfit der Floristin: „Na, die hat doch noch einen Nebenberuf…“

Ich könnte noch viel mehr solcher Begegnungen schildern, aber der Punkt ist – man nahm es hin. Es wurde von allen nur mit einem Achselzucken bedacht – Das ist eben so. Das gehört dazu. Finde dich damit ab.

Selbst nachdem ich beschloss, nur noch meine eigenen Stücke zu machen und mir die Freiheit zu nehmen, nur mit Leuten und Institutionen zu arbeiten, die mir gefielen, wünschte ich noch lange, ich hätte mehr Widerworte gegeben. Hätte diese Menschen mit ihrem miesen Verhalten konfrontiert, anstatt still und leise diese Dinge für mich zu verarbeiten. Und da liegt für mich ein großes Problem. Diese Haltung in der Industrie, dass das o.k. so ist. Das man sich einfach ein dickes Fell wachsen lassen muss. Oder das Spiel mitspielen muss.

Es geht dabei aber auch nicht nur um Machtspielchen und Sexangebote von Männern im Schauspielbereich. Frauen haben auch ihren Anteil daran. Castingfirmen, wo die weiblichen Mitarbeiter die Anwerber wie Dreck behandeln, weil sie am längeren Hebel sitzen. Das ganze überholte hierarchische System in der Theater- und Fernsehwelt ist mit Schuld daran. Warum ist es in Ordnung, jemand schlecht zu behandeln, einfach weil er in der gesellschaftlichen Ordnung unter einem steht?

Harvey Weinstein ist kein Hollywood-Phänomen. Wir haben unsere Steine des Anstoßes direkt vor der Haustür. Und ich hoffe, dass sich die Diskussion ausweitet und ein Umdenken stattfindet. Es ist höchste Zeit.

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